Als Darmstadt Kernkraft-Standort war

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18. Januar 2013

TU darmstadt – Studierende erinnern an die praktische Atomenergie-Forschung – Reaktorkern im Kofferraum

Dokumente, Fotos und Zeitzeugenberichte haben die TU-Geschichtsstudenten Nicole Avagliano, Sebastian Keller, Jan Malte Dittrich, Lukas Henke und Sarah Lange für ihre Ausstellung über die Reaktorforschung in Darmstadt zusam- mengestellt, die bis Ende Februar montags bis freitags von 6 bis 22 Uhr im „Karo 5“ gezeigt wird.

Atomstandort Darmstadt? Der Oberbürgermeister war von der Vision förmlich elektrisiert. Eine „kleine Atomkonferenz“ habe er zu Jahresbeginn organisiert, schrieb Ludwig Engel im Jahr 1956 in einem Brief an die Landesregierung. An dem von der Technischen Hochschule geplanten Atommeiler sei die Stadt „wesentlich interessiert“; leider habe die TH seit der Konferenz jedoch nur noch „geringe Initiative“ gezeigt. Darüber müsse gesprochen werden.
Damals stand für Darmstadt ein mittelgroßer Atomreaktor im Raum, der – neben der Funktion als Ausbildungsobjekt für angehende Atomkraft-Ingenieure – auch Strom produzieren sollte. Am Ende wurden die Pläne aus Kostengründen und wegen Sicherheitsbedenken kräftig abgespeckt. Ihren Atomreaktor aber bekam die TH Darmstadt im Jahr 1962: einen „SUR 100“ von Siemens, Dauerleistung 0,1 Watt.

Besondere Vorkehrungen seien dafür nicht nötig, versicherten die beteiligten Wissenschaftler, nicht einmal Kühlung benötige der Unterrichtsreaktor. Die entstehende Radioaktivität liege im ungefährlichen Bereich. Auf alten Fotos sieht man TH-Angehörige in Laborkitteln am Reaktorkern herumwerkeln. Erst 15 Jahre später wurde dieser in eine eigens errichtete Reaktorhalle an der Lichtwiese gebracht wurde – im Kofferraum eines Pkw, wie Jan Malte Dittrich berichtete.
Immerhin wurde der Reaktor als kerntechnische Anlage regelmäßig von Experten der Internationalen Atomenergie-Organisation inspiziert.
Die alten Dokumente sowie erläuternde Texte gehören zu der Ausstellung „50 Jahre Reaktortechnik an der Technischen Universität Darmstadt“, die am Donnerstag im „Karo 5“ eröffnet wurde. Erstellt wurde sie von einer Gruppe Geschichtsstudenten, zu denen auch Dittrich gehört.

Angeregt durch einen Fachartikel von TU-Archivleiter Andreas Göller, machten sich die fünf Studierenden Mitte 2012 an die Recherche und zeichneten die Geschichte des 1962 gegründeten „Instituts für Reaktortechnik“ nach, das 1987 – ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – umbenannt wurde in „Institut für Energietechnik und Reaktoranlagen“. Der gesellschaftliche Wind hatte sich in den siebziger und achtziger Jahren gegen die einstige Zukunftstechnik Atomkraft gedreht. 2004 verschwand das Wort Reaktor ganz aus dem Institutsnamen, es heißt seither „Energiesysteme und Energietechnik“. Im Fokus steht heute die Ausbildung von Experten für die Energiewende weg von der Atomkraft – für deren Abschaltung und Einmottung allerdings immer noch entsprechend ausgebildete Fachleute gebraucht werden.
Wie das gesellschaftliche Umfeld die Reaktorforschung an der TU beeinflusste, zeigen die Ausstellungsmacher unter anderem mit alten Zeitungsausschnitten sowie Flugblättern der Anti-AKW-Bewegung. Mit dieser Verknüpfung und Gesamtbetrachtung politisch-soziologischer und naturwissenschaftlich-technischer Entwicklungen spielen die Geschichtsstudenten eine Stärke der Technischen Universität aus.
TU-Kanzler Manfred Efinger dankte bei der Ausstellungseröffnung den fünf Studierenden, die für die Ausstellung aus freien Stücken in mehreren Archiven geforscht und mit Zeitzeugen gesprochen hatten. Studienleistungen sind damit nicht verbunden. „Prägnant und verständlich“ seien Eckpunkte der Reaktorforschung dargestellt worden, lobte Efinger.
Der Darmstädter Reaktor – nach den Blöcken in Biblis der drittgrößte in Hessen – wurde nach heftigen Diskussionen an der Uni sowie wegen zunehmender technischer Probleme 1985 abgeschaltet. Erst elf Jahre später war Darmstadts einstiger atomarer Hoffnungsträger vollständig abgebaut und entsorgt.