Archiv für September 2012

Deutscher Strom aus russischen Atombomben

 
Geschäfte deutscher Energiekonzerne mit Uran aus Russland
 
15.09.2012, von Markus Balser und Uwe Ritzer

In deutschen Kernkraftwerken wird nach SZ-Informationen seit Jahren Uran aus russischen Atomwaffen eingesetzt. Ein mysteriöses Geschäft der Energiekonzerne, dessen wahres Ausmaß erst nach und nach ans Licht kommt. Vertrauliche Papiere legen nahe, dass es den Managern nicht nur um den Erhalt des Weltfriedens ging.

Kananaskis ist ein verschlafenes Nest in den kanadischen Rocky Mountains. Vor zehn Jahren aber schrieb der winzige Ort Weltgeschichte. Die mächtigsten Staatschefs beschlossen hier bei einem G-8-Gipfel 2002 ein historisches Abrüstungsprogramm. Es galt, eine gigantische Gefahr des Kalten Krieges zu beseitigen: Hunderte Tonnen hochangereichertes Uran und strahlendes Plutonium aus Militärbeständen – Atombomben oder U-Booten etwa. Genug Stoff für zig neue Sprengköpfe und genug Grund, es nie in die falschen Hände gelangen zu lassen. „Wir wären dankbar, wenn unsere Partner bereit wären, uns hierbei zu unterstützen“, hatte Russlands Präsident Wladimir Putin damals gesagt.

Auch im AKW Unterweser in Niedersachsen wurden Brennelemente eingesetzt, die zum Teil aus russischem Militärbestand stammten. (© Getty Images)

Eine Bitte, die, wie in diesen Tagen bekannt wird, in Deutschland zu einem höchst brisanten Entsorgungsprogramm führte. Es ist eine verstörende Vorstellung: Immer dann, wenn Bürger Strom verbrauchten – am Herd, Laptop oder Licht- schalter – wurden sie zu atomaren Abrüstern. Über ein Jahrzehnt landete die strahlende Gefahr aus Russland nach Informationen der Süddeutschen Zeitung als Brennstoff im großen Stil in deutschen Reaktoren. So machten hiesige Atommanager ein ganzes Land zu ihrem Handlanger – ohne, dass dessen Bürger davon wussten.

Vertrauliche Dokumente der Atombranche machen klar, welche Dimension das Projekt hatte: Es geht um mindestens 100 Tonnen militärisches Uran. Vertrauliche Papiere führender Atommanager enthüllen einen wüsten Verdacht: Sie sollen geplant haben, die Bundesregierung auszutricksen und mit Abrüstungsplänen längere Laufzeiten durchzuboxen. Von den diskreten Geschäften führen Spuren zu einer weiteren Affäre. In deren Zentrum steht Andrey Bykow. Der umstrittene russische Lobbyist gilt als Schlüsselfigur im Skandal um versickerte Millionen bei Atomgeschäften des Energiekonzerns EnBW.

Bykow und führende deutsche Atommanager halfen Putin offenbar gerne. Den Angaben zufolge setzte die Atomindustrie in den vergangenen zehn Jahren mehr als 1000 Brennelemente ein, die mit militärischem Uran bestückt waren. Bei weiteren 500 gilt dies als sehr wahrscheinlich. Damit wurden sie zum wichtigen Stromlieferanten der Deutschen. Zum Vergleich: Mit 200 Brennelementen lässt sich ein ganzes AKW fünf Jahre befeuern. Und die Aktion ist noch nicht zu Ende. Der Einsatz weiterer 180 Elemente ist geplant.

Die Geschäfte machen endgültig klar, wie Atomwaffen der Atomenergie nutzen. Aus einer Mischung von wiederaufbereitetem Uran aus Westeuropa und höher angereichertem Uran aus Russland wurden bei Moskau Brennelemente hergestellt, die dann in Spezialbehältern per Bahn, Schiff und Lastwagen zu ihren deutschen Bestimmungsorten transportiert wurden – in die Kernkraftwerke Obrigheim und Neckarwestheim (beide EnBW), Brokdorf (Eon), Unterweser (Eon) sowie Gundremmingen (RWE und Eon).

Allein RWE bestätigt auf SZ-Anfrage den Einsatz von 856 Brennelementen und erklärt: „Bei der Fertigung wird aus russischen Militärbeständen stammendes Uran beigemischt.“ Auch der größte deutsche Energiekonzern Eon bestätigt den Einsatz militärischen Urans. EnBW gibt dagegen lediglich an, ein solcher Einsatz sei möglich. Warum die Atomkonzerne selbst nach Jahren das Schweigen nur sehr zögerlich beenden, verstehen selbst Experten nicht: Die Branche hätte sich für ihr Friedensprojekt feiern lassen können, Fachleute halten den Einsatz in deutschen Meilern technisch für lösbar. Doch die Diskretion könnte ihren Grund haben.

Denn vertrauliche Papiere aus dem EnBW-Konzern legen nahe, dass es Managern beim Thema Abrüstung nicht nur um den Erhalt des Weltfriedens ging: Sie „könnte in Zukunft im politischen Raum eine wichtige Rolle bei der erneuten Diskussion über die Laufzeiten der Kernkraftwerke spielen“, heißt es in den Papieren. „Aus diesem Grunde hat RWE mittlerweile auch Interesse am Bezug von Brennelementen aus russischer Fertigung mit militärischem Material bekundet.“

Die Papiere ermöglichen tiefen Einblick und decken kaum fassbare Strategien auf: Im Jahr 2001 machten sich Atommanager in Berlin dafür stark, in Zukunft auch den noch gefährlicheren Atombombenstoff Plutonium aus Militärbeständen Russlands in deutschen AKW abzufeuern – gegen den Rat von Umweltschützern und Atomexperten. Man eruierte die politische Lage und resümierte erfreut, die Bundesregierung sei für das Thema grundsätzlich offen. So steht es in einem internen EnBW-Schreiben an Ex-EnBW-Chef Gerhard Goll zur Vorbereitung auf ein Gespräch mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) 2001.

Selbst die Grünen hatte die Branche nach eigener Lesart im Griff: „Überraschenderweise gibt es bei den Grünen dank guten Lobbyings durch die richtigen Leute eine vergleichsweise hohe Akzeptanz“, schreibt der Chef der EnBW-Kraftwerke AG, Michael Gaßner, an Goll und weiht ihn in ein Geheimnis mit großer Sprengkraft ein: „Die Bundesregierung weiß allerdings nicht, dass die Zeiträume, die benötigt werden, um all das russische Plutonium in Reaktoren zu verbrennen, doch deutlich länger sind, als die ‚Restlaufzeiten‘ des Energiekonsenses, sodass hieraus der Druck auf eine Verlängerung der Laufzeiten entstehen wird.“

Es sind Zeilen, die in Berlin für Fassungslosigkeit sorgen dürften: Teile der Wirtschaft glauben nicht nur, die Politik dank ihres Lobbyings im Griff zu haben. Sie enthalten ihr offenbar auch noch hochbrisante Informationen vor, um sie bei einer der wichtigsten politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre hinters Licht zu führen, dem Atomausstieg. Selbst Jahre später ist dem EnBW-Konzern zu den Vorgängen nicht mehr als ein Achselzucken zu entlocken: Wie EnBW heute den Versuch bewerte, die Regierung beim Atomausstieg auszutricksen? „Der von Ihnen zitierte Satz ist eine Sachverhaltsdarstellung“, lässt EnBW auf SZ-Anfrage wissen. „Wir verwahren uns gegen eine pauschale Unterstellung einer geplanten Täuschung.“

Bis heute allerdings lässt man die Bundesregierung über das Ausmaß des Abrüstungsprogramms offenbar im Unklaren. Das Bundesumweltministerium weiß zwar von der Lieferung spezieller Brennelemente aus Russland seit dem Jahr 2000. Für deren Produktion könne auch „hoch angereichertes Uran aus dem militärischen Bereich verwendet werden“, vermutet die Behörde. Über mögliche Mengen wisse man jedoch nichts. Ähnlich äußerten sich die zuständigen Landesbehörden. Und das für Abrüstungsabkommen zuständige Auswärtige Amt macht klar, dass die Atomwirtschaft nicht im Auftrag der Bundesregierung handelte: „Ein Abkommen in diesem Bereich wie etwa zwischen Russland und den USA gibt es zwischen Russland und Deutschland nach hiesiger Kenntnis nicht.“

Mit keiner Zeile haben die drei AKW-Betreiber Eon, RWE und EnBW die Deutschen bislang über das wahre Ausmaß ihrer brisanten Aktivitäten informiert. Und selbst führende Atommanager blieben außen vor. Auch Vattenfall-Europe-Chef Tuomo Hattaka sagte der SZ, er wisse vom Einsatz von Militäruran in Deutschland nichts. Dabei ist Hatakkas Konzern zu 25 Prozent am Eon-Abrüstungsmeiler Brokdorf beteiligt.

Die Unternehmen weisen den Vorwurf der Geheimniskrämerei dennoch zurück. Als Beleg führen sie eine Presseinformation des Deutschen Atomforums an – vom 16. Mai 2000. In dem Papier ist allerdings nur vom geplanten Einsatz militärischen Urans die Rede. Angaben zur Umsetzung? Fehlanzeige. Und wo die angeblich so öffentliche Mitteilung publiziert wurde, ist offen. Denn selbst im Internetarchiv des Atomforums, das Pressemitteilungen seit 2000 auflistet, sucht man sie vergebens.

Warum also erfuhr die Öffentlichkeit nichts vom Ausmaß der hochsensiblen Geschäfte? Klar ist: Bei den diskreten Abmachungen ging es für die Beteiligten um viel. Vor allem um viel Geld. Brennelemente aus Russland seien für deutsche AKW-Betreiber schlicht billiger gewesen als die aus westlicher Produktion, sagt ein Insider. Und Russland konnte seine strahlende Hinterlassenschaft so auch noch zu Geld machen. Wichtiger Nebeneffekt für Moskau: Brennelemente mit militärischem Uran fielen nicht unter die zeitweise bestehende Einfuhrbeschränkung der Atombehörde Euratom. So konnte Russland schlicht mehr Uran gen Westen verkaufen. Die Verträge wurden zum Milliardengeschäft, von dem deutsche wie russische Firmen und auch der russische Staat profitierten.

Weiterlesen:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/geschaefte-deutscher-energiekonzerne-mit-uran-aus-russland-deutscher-strom-aus-russischen-atombomben-1.1468771
 

29.09. internationaler Uran-Aktionstag !
11:00 Uhr Fahrrad-Demo in Frankfurt

 
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Treffpunkt für gemeinsame Fahrt zur Fahrrad-Demo:

10:15 Uhr Hauptbahnhof Darmstadt

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Weitere Infos: http://stilllegen.blogsport.de/

 

Die Atomindustrie verdient weiter…

Infoveranstaltung zur Fahrrraddemo am 29. September: „Atomprofiteure stillegen weltweit!“
Montag, 17. September, 20.30h Oetinger Villa, Kranichsteiner Str. 81, Darmstadt

Weltweit wird auch nach dem verheerenden Unglück von Fukushima Atomkraft genutzt. Die nächste AKW-Katastrophe kommt – wir wissen nur nicht, wann und wo. Aber auch im Normalbetrieb der Atomindustrie wird die Erde radioaktiv verseucht. Trotz „Atomausstieg“ beteiligen sich zahlreiche Unternehmen in Deutschland am internationalen Atomgeschäft, gefördert von der Bundesregierung. Am 29. September 2012 – am Jahrestag der Atomkatastrophe von Majak – finden deshalb in verschiedenen Ländern dezentrale Aktionen gegen die internationale Atomindustrie statt.
In Frankfurt stehen zwar keine Atomanlagen, aber die Dealer, die Planenden und die Finanziers der gesamten atomaren Verwertungskette sind hier sehr wohl hier anzutreffen. Für Areva NP arbeiten in Offenbach über 1000 Menschen. Die Urangesellschaft in Frankfurt-West betätigt sich als internationaler Urandealer genauso wie Internexco in Sulzbach. Banken wie BNP Paribas verdienen mit der Finanzierung.
Im Anschluß an die Infos zur Fahrradtour zeigen wir den Film: „Uranium is it a Country“. Der Dokumentarfilm führt nach Australien und zeigt die unbekannte Seite der vermeintlich sauberen Atomkraft, den Abbau des Brennstoffes Uran: Wo es herkommt, wo es hingeht und was davon übrig bleibt. In dem Kurzfilm “Auf Augenhöhe” berichten indigene AktivistInnen aus dem Niger, Namibia und den USA über ihr Leben mit den tödlichen Hinterlassenschaften von Uran – desjenigen Rohstoffs, der zur vermeintlich sauberen Stromgewinnung in Atomkraftwerken genutzt wird. Ihre Botschaft: „Lasst das Uran in der Erde“.

Der Treffpunkt zur gemeinsamen Fahrt zur Fahrrad-Demo:

Samstag, 29. September, 10.15 HBF

Weitere Infos: http://stilllegen.blogsport.de/

Atomlobbyist Hennenhöfer weist alle Gorleben-Vorwürfe zurück

 
www.fr-online.de/politik/atompolitik-gorleben-merkels-altlast …

12 | 9 | 2012

Atompolitik Gorleben

Merkels Altlast

Vom Reaktor-Aufseher zum Atomlobbyisten – und wieder zurück: Gerald Hennenhöfer kontrollierte die Atomsicherheit unter den Umweltministern Merkel, Röttgen und nun Altmaier. Nun wird er vom Gorleben-Ausschuss verhört.

Wenn es ein deutsches Sujet gibt, das zum Polit-Thriller taugt, dann die Atom- politik. Sogar die Rolle des finsteren Strippenziehers im Hintergrund ist besetzt: Gerald Hennenhöfer. Der 64-jährige Jurist erinnert nicht nur äußerlich an James-Bond-Bösewichte. Er stellt sich sogar selbst schon mal sarkastisch als „der unbeliebte Atomlobbyist im Bundesumweltministerium“ vor.

Diesen Donnerstag erwarten deshalb alle, die in den vergangenen Jahrzehnten mit Kernkraft, Castoren und Atommüll zu tun hatten, voller Spannung. Denn Hennenhöfer, der zu Angela Merkels Zeit als Umweltministerin ihr Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit war, nach seinem Rauswurf durch Jürgen Trittin Atom- konzerne als „Deutschlands unbeliebtester Lobbyist“ (taz) beriet, Rot-Grün beim Atomausstieg als Verhandlungsgegner gegenübersaß und dann unter Norbert Röttgen und Peter Altmaier seinen alten Posten zurückbekam – dieser Gerald Hennenhöfer muss dann aus dem Schatten treten, in dem er sonst arbeitet: Als Zeuge muss er vor den Gorleben-Untersuchungsausschuss im Bundestag.

Verflechtung von Politik und Atomindustrie

Erstmals muss er dann öffentlich Fragen dazu beantworten, ob die Bundes- regierung bei der Auswahl von Gorleben als mögliches Atommüll-Endlager Sicherheitsbedenken wegwischte, um den Betrieb der Kernkraftwerke in Deutschland nicht zu stören. Immerhin: Kaum eine Figur der bundes- republikanischen Geschichte verkörpert diesen Vorwurf besser.

Das virtuelle Schwarzbuch Hennenhöfer, das Umweltverbände und die Opposition führen, wird bis heute fortgeschrieben.
Hennenhöfer stieg 1987 als Gutachter in die Branche ein, wurde 1994 Chef der Reaktorsicherheit im Umweltministerium. Zu seinen bekannteren Entscheidungen zählt, Hessen zu verbieten, das störanfällige AKW Biblis stillzulegen.

In dieser Woche legte nun das Umweltministerium auf Anfrage der grünen Atomexpertin Sylvia Kotting-Uhl auch unveröffentlichte Akten vor, die belegen: Schon 1996 warnte das Bundesamt für Strahlenschutz Hennenhöfer persönlich, dass das ostdeutsche Endlager und Ex-Bergwerk Morsleben wegen Tropfstellen und „fortschreitender Auflockerung der Salzbarriere umgehend Stabilisierungs- maßnahmen“ brauche und „gegen Erdbeben ausgelegt werden“ müsse. Trotzdem wies Hennenhöfer die sich sträubende Landesregierung von Sachsen-Anhalt an, dort weiter Atommüll einzulagern. 1998 sorgte er sogar dafür, dass die zunächst bis 2000 befristete Einlagerung verlängert wurde. Heute muss Morsleben wegen Einsturzgefahr für 2,2 Milliarden Euro saniert werden.

Gegen die Aufklärung der Asse-Anwohner

Merkels grüner Nachfolger Jürgen Trittin warf Hennenhöfer raus – der versilberte seine intimen Kenntnisse umgehend als Berater der Atomkonzerne. Er machte sich stark gegen die Aufklärung der Anwohner am absaufenden Endlager Asse. Er bescheinigte in Gutachten Bestandsschutz für Uraltmeiler, um sie vor Nachrüstungen zu schützen. Und er saß Trittin 1999 als E.ON-Vertreter bei der Verhandlungen zum Atomausstieg gegenüber.

Folgerichtig holte ihn der neue CDU-Umweltminister Norbert Röttgen nach dem Regierungswechsel 2009 zurück auf den alten Posten. Immerhin waren Laufzeitverlängerungen zu organisieren, wofür ihn Merkel persönlich empfohlen habe.

AKW-Weiterbetrieb trotz interner Proteste

In dieser Woche bestätigte das Umweltministerium einen weiteren Coup Hennenhöfers aus seiner Zeit unter der Regentschaft Röttgens: Papieren, die dieser Zeitung vorliegen, beschreiben, wie – neun Monate vor dem Fukushima- GAU – im bayrischen AKW Grafenrheinfeld ein Riss nahe dem Druckbehälter entdeckt wurde. Hennenhöfer setzte erstmals in der deutschen Geschichte trotz der drohenden Gefahr den Weiterbetrieb durch. Wie das Umweltministerium den Grünen nun bestätigt, protestierte damals Technikexperte und Unterabteilungs- leiter Dieter Majer heftig: Der Weiterbetrieb sei unverantwortbar. Hennenhöfers Antwort: Er habe „externen Beratern“ vertraut, auch wenn Majer deren „Legitimität kritisch sehe“.

Sogar am Geheimdeal mit den Konzernen zu Laufzeitverlängerung und Gewinn- besteuerung war Hennenhöfer beteiligt, bestätigte sein Ministerium am Mittwoch. Das erfuhrt selbst sein damaliger Chef erst später. Röttgen hatte stets gesagt, sein Haus sei beim Gespräch von Finanzministerium und Industrie nicht dabei gewesen, weil die Sicherheit der AKW nicht verhandelbar sei. Tatsächlich aber heißt es im Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt, Hennenhöfer wurde „zur Fachfrage zu erwartender Nachrüstungen in den deutschen Kernkraftwerken“ konsultiert. Zudem gab es Vorgespräche von Finanz- und Umweltressort, an denen er teilnahm.

Dass Gerald Hennenhöfer bis heute die Endlagersuche beeinflusst, besorgt nicht nur die Opposition. Welche Entscheidungen er einst für Gorleben traf, will sie am Donnerstag im Untersuchungsausschuss herausfinden. Die Anhörung seiner Ex-Chefin folgt in zwei Wochen: Dann tritt die heutige Kanzlerin Angela Merkel vor den Ausschuss.
 
Zur Person

Gerald Hennenhöfer, 1947 in Erfurt geboren, aber seit Jahrzehnten Bonner, arbeitet seit 1987 als Atomexperte: zuerst als Sachverständiger der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, von 1994 an im Umweltministerium unter Klaus Töpfer und Angela Merkel (beide CDU) als Reaktorsicherheitschef.

Von Rot-Grün in Ruhestand versetzt, vertrat er ab 1998 den Atomkonzern Viag (später Eon) in den Ausstiegsverhandlungen. Dann beriet er die Branche als Anwalt – bis Schwarz-Gelb ihn wieder ins Umweltministerium zurückholte.

Am 27. September wird Hennenhöfers Ex-Chefin Angela Merkel im Gorleben-Ausschuss angehört. Sie soll befragt werden, ob sie die vorgesehene Erkundung des Salzstocks für einen heimlichen Ausbau zum Endlager nutzte.
 
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13. September 2012

www.contratom.de/2012/09/13/hennenhofer-weist-alle-gorleben-vorwurfe-zuruck-nun-soll-er-endlich-gehen/

[…]

Nun musste sich Hennenhöfer erstmal öffentlich der Frage stellen, ob die Bundesregierung bei der Auswahl von Gorleben als mögliches Atommüll-Endlager Sicherheitsbedenken wegwischte, um den Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland nicht zu stören. Stichwort: Entsorgungsnachweis.

Man wollte in Gorleben nur “Erkunden”, um eine “Aussage zur Eignung” zu bekommen, sagte Hennenhöfer vor dem Bundestagsausschuss. Es habe keine Vorfestlegung gegeben oder Versuche, rasch Tatsachen zu schaffen. Das Problem bei der Erkundung Gorlebens sei damals gewesen, dass wegen fehlender Salzrechte von Grundstücken die darunter liegenden Salzstock-Bereiche nicht hätten erkundet werden können. Deswegen habe man sich auf die Möglichkeit der Enteignung nach Atomgesetz verständigt.

“Hennenhöfer scheint auf beiden Augen blind zu sein, wenn es um Zweifel an Gorleben geht. Der Atomlobbyist gehört zu den Alteisen der Atomindustrie. Ein Neuanfang in der Endlagersuche wird mit ihm nicht möglich sein. Jetzt ist Bundesumweltminister Altmaier gefragt: Er muss seinen Abteilungsleiter Hennen- höfer ablösen”, so Tobias Riedl, Atom-Experte von Greenpeace.

Ute Vogt, SPD-Obfrau im Ausschuss, sagte: “Es gibt eine Diskrepanz zwischen seiner Aussage und der Aktenlage”, er sei bis 1998 Merkels Erfüllungsgehilfe gewesen.

Am 27. September wird Bundeskanzlerin Merkel als Zeugin im Untersuchungs- auschuss auftreten – eine TV-Übertragung der Befragung lehnten Union und FDP schonmal ab.

 

Fessenheim: Störfall mit Verletzten
im ältesten AKW Frankreichs

 
www.contratom.de/2012/09/05/storfall-mit-verletzten-im-altesten-akw-frankreichs/

5. September 2012

Bei einem Unfall im französischen Atomkraftwerk Fessenheim nahe der deutschen Grenze sind mindestens zwei Menschen verletzt worden. Heisser, ausgetretener Dampf sei die Ursache, der Akw-Betreiber spricht von einem “kleinen Problem”. Atomkraftgegner fordern die sofortige Schließung des ältesten Meilers Frankreichs.

Nach Angaben des AKW-Betreibers EDF erlitten zwei Menschen “durch ihre Handschuhe hindurch” leichte Verbrennungen an den Händen, als Wasserstoff- peroxid-Dampf austrat. Andere Medien berichten von mehr Verletzten. Auch die Feuerwehr war vor Ort, nachdem die Löschanlage aktiviert wurde. Laut EdF handele es sich aber nicht um einen Brand. Der Unfall habe sich auch nicht im Reaktorgebäude ereignet.

Französische Medien berichten von einem Chemieunfall. Der Betreiber EDF erklärte, Wasserstoffperoxid habe durch einen menschlichen Fehler mit Wasser reagiert, dabei sei es zu einer Dampfexplosion gekommen. Anderen Berichten zufolge handelte es sich um plötzlich austretenden Wasserdampf. Wie so oft ist die Nachrichtenlage diffus – der Betreiber gibt aber wie immer pauschal “Entwarnung”: es handele sich um ein “kleines Problem”, Radioaktivität sei nicht ausgetreten.

Laut des Geschäftsführer des BUND Südlichen Oberrhein, Axel Mayer sprechen immer wieder kleinere Störfälle für eine schlechte Sicherheitskultur im Atomkraftwerk – und diese sei auch immer eine Gefahr für die Menschen. Echte Sicherheit gibt es erst, wenn der französische Präsident François Hollande sein Versprechen umsetzt und das altersschwache AKW Fessenheim abstellt, so Mayer.

“In dem AKW Fessenheim gab es immer wieder Störfalle, das Ding muss endgültig stillgelegt werden”, so BBU-Vorstandsmitglied Udo Buchholz in einer ersten Stellungnahme.

Das im Elsass direkt am Rheinkanal an der deutschen Grenze gelegene umstrittene Atomkraftwerk ist seit rund 35 Jahren in Betrieb. In dem AKW kommt es immer wieder zu Pannen. Seine beiden Druckwasserreaktoren sind die ältesten noch in Betrieb befindlichen in Frankreich. Der neu gewählte französische Präsident François Hollande hatte im Wahlkampf die Schließung des AKW Fessenheim bis zum Jahr 2017 angekündigt.