Energiewende von unten !

 
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Energiewende von unten

Regionale Netze statt teurer Stromautobahnen
 
Wofür brauchen wir tausende Kilometer teure Überlandleitungen? Um Strom aus Windparks in Nord- und Ostsee nach Süden zu transpor- tieren? Vor Ort den Strom zu produzieren ergibt deutlich mehr Sinn. Die Zukunft der Energieversorgung liegt im Lokalen, in regionalen Strukturen. Dass das funktioniert, ohne dass der Strom ausgeht, dafür gibt es inzwischen bundesweit einige Modelle.

Von Axel Weiß, SWR

Erneuerbare Energien haben sich in den letzten Jahren gemausert: Allein die installierten Solarzellen liefern inzwischen zu Spitzenzeiten bundesweit den Strom von 22 Atomkraftwerken. Die technische Entwicklung hat es möglich gemacht: Windenergie könnte in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern insgesamt rund zehn Gigawatt leisten. Ein modernes Windrad mit den gängigen 1,5 Megawatt Leistung kann schließlich einem kompletten Dorf den Nettojahresbedarf an Strom liefern.

Theoretisch, denn in der Praxis funktioniert das so nicht. Schließlich gibt es windstille Tage. Dann müssen Solarzellen hinzu geschaltet werden. Und wenn es bedeckt ist – dann vielleicht Wasserkraft- oder eine Biogasanlage, je nachdem. Klar ist: Je vielfältiger die Stromerzeugungsmöglichkeiten sind, umso zuver- lässiger ist die Lieferung mit Elektrizität. Ansonsten muss Strom gespeichert werden. Auch da gibt es – jenseits der teils umstrittenen Pumpspeicherwerke – neue Möglichkeiten.

Kühllagerhäuser als Stromspeicher

Der frühere Chef des UN-Umweltprogramms, Klaus Töpfer, etwa wirbt gern damit, die großen Kühllagerhäuser in den deutschen Häfen als Stromspeicher zu nutzen. Wenn die bei Stromüberschuss ihre Temperaturen senken, benötigen sie in Zeiten von relativer Stromknappheit entsprechend weniger Strom zur Kühlung. Tiefkühltruhen in Supermärkten könnten ihre Kühlung auch je nach Strom- angebot regulieren, entsprechende Praxisstudien gibt es schon.

Voraussetzung für eine regionale Stromversorgung ist ein vorhandenes regio- nales Niederspannungsnetz, in dem der Strom etwa vom Windpark ins Dorf geleitet wird. Diese Netze sind oft in der Hand der großen Energieversorger, die wiederum nicht zwingend ein Interesse an einer kommunalen Selbständigkeit haben.

Vattenfall-Tochter nicht so kooperationsbereit

Das kleine Dörfchen Feldheim im südwestlichen Brandenburg weiß ein Lied davon zu singen. Der Weg zur energieautarken Kommune ging nur über ein eigenes, neu gelegtes Leitungsnetz, da der bisherige Netzbetreiber – eine Tochter des Vattenfall-Konzerns – nicht im nötigen Umfang kooperieren mochte. Inzwischen gilt das 200-Seelen-Dorf Feldheim als Musterbeispiel dafür, dass eine lokale Energieversorgung möglich ist.

Auch andere Gemeinden wie Morbach oder Weilerbach in Rheinland-Pfalz oder Güssing in Österreich sind erfolgreiche Modelle. Allerdings sind die Hürden hoch: Die besten Bedingungen für einen Stromwechsel gibt es in überschaubaren, kleineren Gemeinden, wo sich die Akteure wie Bürgermeister, Pfarrer, Mittel- ständler und andere Interessierte gut kennen und verstehen und sich vertrauen, weiß der Soziologe Conrad Kunze von der Uni Cottbus, dessen Buch „Soziologie der Energiewende“ in Kürze erscheint. So etwas ist nicht „von oben“ herab zu verordnen.

„Politik bleibt Überlandleitungen und Großproduzenten verhaftet“

Wichtig sind auch Vorbilder: Wenn schon mal die öffentlichen Gebäude mit Miniwindrädern, Blockheizkraftwerk und Solarzellen bestückt sind, die sich rechnen, dann überzeugt das auch Skeptiker. Je mehr die Menschen vor Ort beteiligt werden und von der eigenen Energieversorgung auch finanziell profitieren, umso eher sind sie dabei. Allerdings: „Das derzeit in Deutschland verfolgte politische Szenario sieht weder Insellösungen noch eine Regiona- lisierung vor und bleibt dem Paradigma von Überlandleitungen und Groß- produzenten verhaftet“, sagt Conrad Kunze.

Mehrere hundert Energiegenossenschaften gibt es in Deutschland mittlerweile, oft initiiert und getragen von engagierten Bürgern. Eine Anpassung des alt- ehrwürdigen Genossenschaftsrechts an die Erfordernisse einer dezentralen Energieerzeugung würde die Gründung von Energiegenossenschaften weiter erleichtern, meint Soziologe Kunze: „Wenn man die besten Erfahrungen sammeln und daraus eine Vorlage bauen würde, an der sich andere orientieren können, dann gäbe es bundesweit durchaus eine Chance, eine regionale Energie- versorgung einzuführen.“

Keine Erfahrung mit Großverbraucher-Standorten

Niemand kann freilich garantieren, dass in Deutschland ein Verbund von regionalen Stromnetzen tatsächlich die bisherige Form der Energieverteilung problemlos ablösen könnte. Zumal es bisher noch keine Erfahrung mit energieautarken Kommunen gibt, die einen energieintensiven Großverbraucher wie etwa ein Aluminiumwerk in ihrem Gebiet haben. Sicher wird ein Mix aus Überlandstrom und regionaler Energieversorgung zumindest noch eine längere Zeit notwendig sein.

Günstiger Zeitpunkt für Weichenstellung

Dennoch: Die Voraussetzungen für einen Wandel hin zu mehr Regionalität sind günstig. In den nächsten beiden Jahren laufen die Konzessionen für viele Energienetze aus und könnten von Städten und Gemeinden zurück in kommunale Trägerschaft geholt werden. Hamburg hat es vorgemacht, in Berlin und anderen Städten laufen entsprechende Initiativen. Angesichts von 20 Jahren Laufzeit solcher Konzessionen wäre das eine wesentliche Weichenstellung, um eine Energieversorgung auf regionaler Ebene zu erleichtern.

Ein Teil der vorhandenen Verteilungsnetze müsste modernisiert werden, um Nachfrage und Belastungen besser steuern zu können. Ob aber wirklich alle derzeit vorhandenen 850 Netzeinheiten notwendig sind? Durch Zusammenlegung ließen sich Kosten optimieren, meint der Verbraucherzentrale Bundesverband. Er macht sich außerdem für ein Bundesausbaugesetz für Erneuerbare Energien stark, in dem sich die Bundesländer jeweils auf klare Ausbauziele verpflichten müssten. So könnte die Zahl der neu zu bauenden Ferntrassen für Strom deutlich begrenzt werden. Eins ist klar: Die eigentliche Energiewende beginnt in Deutschland auf dem Land und „von unten“.

Stand: 06.06.2012 12:32 Uhr