AKW Penly: Französische Reaktorpanne schwerer als bisher bekannt

 
20.04.2012 / von Thomas Hanke
 
Ein Störfall in dem französischen Atomkraftwerk Penly war offenbar alles andere als eine kleine Panne. Gleich vier schwere Defekte ereigneten sich in dem AKW. Die Börse traut dem Betreiber EDF schon länger nicht mehr.


Rauch steigt aus dem Atomkraftwerk Penly in Nordfrankreich. Quelle: Reuters

Paris Der Störfall im französischen Atomkraftwerk Penly an der Kanalküste nahe Dieppe war schwerwiegender, als anfangs bekannt wurde. Wie der Stromkonzern EDF dem Handelsblatt bestätigte, gab es im Primärkreislauf eines der beiden Reaktoren eine Folge von vier gravierenden Defekten. Mit einigem Glück ist EDF an einem gefährlichen Unfall in dem AKW vorbeigekommen, das ungefähr 150 km von Paris entfernt ist.

Zunächst verlor am Nachmittag des 5. April ein Ölbehälter an einer der vier riesigen Pumpen in der Reaktorhülle, die jeweils ca. acht Meter hoch sind, mehrere Hundert Liter Öl. Wie soviel Öl unbemerkt austreten konnte, ist noch unklar. Zwei Öllachen entzündeten sich anschließend. Auch hier ist die Ursache noch nicht geklärt, es wird vermutet, dass das Schmiermittel mit der heißen Pumpe in Berührung kam. Mit dem Beginn des Feuers habe sich der Reaktor automatisch abgeschaltet, sagte ein EDF-Mitarbeiter. Er muss allerdings weiter gekühlt werden, damit keine Kernschmelze beginnt. Der Brand wurde von der Feuerwehr gelöscht.

Der Zwischenfall eskalierte, als gegen 19h eine Dichtung der Pumpe platzte. Die mit einem Druck von 155 bar – das 155-fache des Athmosphärendrucks – arbeitenden Großgeräte weisen drei Dichtungen auf, die ein Austreten des radioaktiven Kühlwasser verhindern. Die zweite und dritte Dichtung sind aber nur für den Notfall vorgesehen und können dem hohen Druck nur kurzfristig standhalten. Um ein unkontrolliertes Austreten des verseuchten Wassers zu verhindern, wird der Druck heruntergefahren. Dafür öffnet das Personal Notventile, die das Kühlwasser in Reservoirs im Reaktorgebäude ableiten. Die Lage in Penly verschärfte sich, weil die Ventile sich aufgrund einer weiteren Störung schlossen. Damit drohte ein Platzen des Primärkreislaufes, der je Pumpe 100 Kubikmeter verstrahlten Wassers enthält.

EDF sprach von einem Leck, aus dem pro Stunde anfangs 2000 Liter Wasser austraten, später nur noch 60 Liter. Trotz der Probleme mit den Notventilen sei das Wasser nicht unkontrolliert herausgespritzt, sondern in den Reservoirs gelandet. Ab 4h Uhr morgens am 6. April habe es kein Leck mehr gegeben.
 
Flutung des Reaktorgebäudes drohte

Wie der EDF-Mitarbeiter erläuterte, hätte der Reaktorkern weiter gekühlt werden können, auch wenn die schadhafte Pumpe völlig ausgefallen wäre, da drei weitere Pumpen mit unabhängigen Rohrsystemen funktionierten. Doch das Gebäude wäre von großen Mengen Wasser überflutet worden. Glücklicherweise kam es nicht dazu.

Die Anlagen in Penly zählen zu den modernsten von EDF, sie stammen aus den Jahren 1990 und 1992. Der Versorger hat insgesamt 20 Reaktoren dieses Typs in Gebrauch, die von Areva hergestellt wurden. Wie lange die schadhafte Anlage in Penly stillliegen wird, ist unklar. EDF spricht von mehreren Wochen, doch die Entscheidung trifft die französische Behörde für nukleare Sicherheit ASN. Die Wirtschaftszeitung Les Echos beziffert den wirtschaftlichen Schaden für EDF auf 100 Mio Euro – eine Zahl, die der Versorger als „völlig aus der Luft gegriffen“ bezeichnet.

Erstaunlich ist, dass EDF die baugleichen Pumpen an anderen Standorten erst überprüfen will, wenn die interne Untersuchung über den Ablauf des Störfalls abgeschlossen ist. In der französischen Öffentlichkeit hat der Zwischenfall kein großes Echo ausgelöst. EDF sagte, Feuer in einem Reaktorgebäude habe es in den vergangenen fünf Jahren „bereits viermal gegeben“. Auch Pannen im Primärkreislauf habe man bereits gehabt. Obwohl die Atomkraft in Frankreich längst nicht mehr unangefochten ist, scheint das außer den eingefleischten Atomkraftgegnern niemanden zu beunruhigen. Die Börse dagegen traut EDF schon länger nicht mehr: Die Aktie notiert nur noch bei 15 Euro, ein Fünf-Jahres-Tief.
 
(http://www.handelsblatt.com/politik/international/atomkraftwerk-penly-franzoesische-reaktorpanne-schwerer-als-bisher-bekannt/6536034.html)